Hallo, da ich die Tage meine Ventildeckeldichtung wegen spontaner Inkontinenz wechseln musste, lasse ich bei der Gelegenheit mal ein kleines Torturial für diesen vermeintlich einfachen Job da. Der Teufel liegt bei dieser Arbeit nämlich im Detail.
Wie viel dabei falsch gemacht werden kann, wenn unbekümmert reingefettfingert wird und Ventildeckelschrauben zB einfach irgendwie und nach "Gefühl" angezogen werden, beweisen massenhaft abgerissene Ventildeckel-Ecken bei Fünfzylinder und 1.8 16V (eigentlich ein Unding), nicht dicht werdende neue Dichtungen oder auch das weitverbreitete (wenn auch gut gemeinte) herumdoktern mit zusätzlicher Dichtmasse. Zumindest in den Ecken wo auf Zahnriemenseite die sog. Halbmonde sind, um auf Nummer sicher zu gehen. Kann man machen bei wiederverwendeten, schon gesetzten Dichtungen, bei neuen Markendichtungen ist es aber unnötig, wenn sauber und präzise gearbeitet wird.
Laut Elring Support sind zusätzliche Dichtmassen bei Elastomerdichtungen wie hier ausdrücklich nicht vorgesehen bzw sogar kontraproduktiv. Eine neue Elastomerdichtung MUSS von allein, rein konstruktiv abdichten. Ist das nicht der Fall liegt entweder ein Einbaufehler vor, es wurde nachlässig gearbeitet oder defekte Hardware wie verzogene Ventildeckel oder unsaubere/vermackte Dichtflächen und Dichtungsnuten. Möglicherweise auch schlecht gemachte Drittmarktdichtungen. Laut Elring sollte der Fehler zuerst dort gesucht werden wenn es nicht dicht wird, statt direkt zur Holzhammermethode für Grobmotoriker mit der Dichtmasse zu greifen😇.
Eine Zusammenfassung wichtiger Punkte, wenn es ganz korrekt werden soll:
-Beim abschrauben des Ventildeckels die Schrauben über Kreuz von außen nach innen gehend lösen, um Verspannungen zu vermeiden.
Beim späteren Wieder-Zusammenbau dann genau umgekehrt:
Die Schrauben über Kreuz VON INNEN NACH AUßEN anziehen.
-Bei der Dichtung nicht an falscher Stelle sparen und einfach auf Markenware setze wie zb Elring, Reinz ect.
Meine Original Elring Dichtung habe ich zb für nur 17,05€ ergattern können. Inclusive Versand.
Obacht beim Dichtungskauf:
20VT und 20V mit 147 PS haben die selben Dichtungen mit einzelnen 5 Dichtringen für die Zündkerzenlöcher.
Der neuere 20V mit 155 PS hat dagegen wohl wegen dem Kunststoffventildeckel eine andere Dichtungsbauform, wo die 5 Dichtringe in einer Reihe fest mit der Außendichtung verbunden sind.
-Vor Einbau der neuen Dichtung und dem anschliessenden Zusammenbau müssen sämtliche Dichtflächen und auch die Dichtungsnuten im Ventildeckel mit Hilfe von Bremsenreiniger und ggf. Kunststoffschaber oä. absolut fett- und rückstandsfrei gereinigt werden, damit die neue Gummidichtung + Dichtringe überall satt aufliegt und richtig auf dem blanken Aluminium haftet, statt "schwimmend" darauf herum zu rutschen. Sind zwischen Dichtung und Aluminium noch Ölrückstände, besteht das Risiko, dass die Dichtung dort beim festziehen rutscht und sich verdrückt.
Die Ventildeckeldichtung und die Dichtringe der Zündkerzenlöcher werden dann zugfrei und gleichmässig in die Dichtungsnuten des Ventildeckels gedrückt und der Ventildeckel vorsichtig an seinem Platz auf dem Zylinderkopf abgesenkt, sodass er nicht unbemerkt verkantet oder schräg sitzt.
Nun gehts ans anziehen der Ventildeckelschrauben und dafür sollte man sich echt das bisschen Zeit nehmen, das gewissenhaft zu machen.
Ich bin zwar auch oft verwegen genug, vieles ohne Drehmomentschlüssel zu machen aber an Stellen wie hier sollte man schon akurat vorgehen, wenn die Sache von Erfolg gekrönt und alles gleich dicht sein soll ohne später noch mal dran zu müssen oder es gar kaputt zu machen.
Die Ventildeckelschrauben werden wie oben schon erwähnt von innen nach außen gehend über Kreuz oder im Kreis/spiralförmig angezogen, um Verspannungen/Verzug der Sache zu vermeiden, damit die Dichtung am Ende völlig flächig und gleichmässig nach unten gedrückt wird.
Auf dem Foto mit dem Zettel ist die Anzugsreihenfolge (in meinem Fall über Kreuz) ersichtlich. Es gibt dabei mehrere geeignete Varianten, ich habe die Anzugsreihenfolge so gewählt, das die berüchtigte 12. Schraube an der kritischen Ventildeckelecke rechts oben, die bei leichtsinnigen Machungen latent abrissgefährdet ist zuletzt an der Reihe ist, da so eventuelle Verspannungskonflikte weiter minimiert werden.
Die Schrauben werden in mehreren Etappen/Durchgängen Stück für Stück immer mehr angezogen und zum Schluss mit dem Drehmomentschlüssel auf das erforderliche Drehmoment gebracht:
Fünfzylindermotoren: 9-10 Nm
1.8 16V : 7,8-8 Nm
Zuerst werden die Schrauben nur soweit angezogen, dass sie alle gleichmässig am Ventildeckel anliegen und dann in kleinen Schritten und mehreren Runden bis gut Handfest. Dabei wird man merken, das die ersten Schrauben der Anzugsreihenfolge nach jeder Runde wieder locker sind. Nach drei vier Runden in kleinen Schritten gibt sich das dann von allein und stellt so sicher, dass Aussendichtung und Dichtringe am Ende spannungsfrei die gleiche Kraft kriegen.
Die letzten Durchgänge werden dann mit dem Drehmomentschlüssel gemacht. Pro Runde immer 1Nm mehr bis zum erforderlichen End-Drehmoment, das keinesfalls überschritten werden sollte. 9-10Nm fühlen sich an der Stelle schon gescheit fest an.
Die Ventildeckel haben an den Schraubenlöchern zwar auch Anschläge, sodass der Deckel gar nicht weiter als bis dahin angezogen werden kann aber aus meiner Sicht ist das eher die letzte Lebensversicherung der Geschichte als ein Maßstab und selbst die schaffen Leute platt zu machen (abgerissene Ventildeckelecken). Bis die Anschläge aufliegen, dürften neue Dichtungen schon weit über Gebühr plattgedrückt sein und seitlich herausquellen...
Soviel zu meiner zugegebenermaßen überakribischen Vorgehensweise um jedes Risiko oder Nacharbeit zu vermeiden aber ich liebs halt, wenn Sachen Hand und Fuß haben, statt planlos drauf los zu murksen😅.
Lohn des Aufwands war auf der heutigen Probefahrt einfach eine auf Anhieb staubtrockene Ventildeckeldichtung ohne zusätzliche Dichtmasse und dergleichen.